Buchrezension: „Von der Pflicht. Eine Betrachtung.“ von Richard David Precht

Der Buchdeckel kündigt es schon an, dass dieses Buch einen dringenden Weckruf aussendet. Richard David Precht räumt zwar ein, dass es uns insgesamt wohl besser als je zuvor gehe, was den wirtschaftlichen Wohlstand und die individuellen Freiheiten und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung betrifft. Aber für die geistige Gesundheit unserer Gesellschaft stellt er eine alarmierende Diagnose mit einem bereits fortgeschrittenen Mangel an Verständnis über unsere staatsbürgerliche Rolle.

Die Krisensituation lasse sichtbar werden, dass unsere Wohlfühlgesellschaft mehrheitlich nicht erlebt hat, was eine Pandemie bedeutet, so Precht. Strafe Gottes tauge in der säkularen und aufgeklärten Welt kaum als Erklärung, und moderne Industrie¬gesellschaften seien zu weit von Natur und Tierwelt entfernt, um dort eine Deutung zu finden. In solchen Ausnahmezeiten komme aber tiefer sitzenden Einstellungen und Grundhaltun¬gen eine größere Bedeutung zu als im routinierten Alltag. So zeige sich auch, wie sich Menschen als Staatsbürger sehen, wie sie ihre staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten einordnen. Obwohl man nach längerem Verlust des Vertrauens in den liberal-demokratischen Staat wieder einen Vertrauensanstieg verzeichnen konnte und sich eine Welle der Solidarität zeigte, hebt der Autor eine Entwicklung hervor, die Sorge bereiten muss.

Seit die Wehrpflicht ausgesetzt ist, so Precht, seien wenig Pflichten für Bürgerinnen übrig geblieben: Steuern zahlen, Gesetze einhalten und den Anordnungen der Polizei Folge leisten. Den Staat fürchten, wie in früheren Zeiten, müsse man aber nicht. Man sehe ihn vielmehr als Dienstleister und sich selbst als Kunden an. Genau diese Haltung prangert Precht aber an. Ohne in den Chor derer einzustimmen, die einen kollektiven Werteverfall in der Gesellschaft ausmachen, hebt er den warnenden Finger und leitet mit Bezug auf Ernst-Wolfgang Böckenförde aus der Geschichte, dem philosophischen Erbe unserer westlichen Gesellschaften und aus unserer demokratischen Verfassung ab, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Er sei aber darauf angewiesen, dass sich seine Bürgerinnen anständig verhalten und seine Werte freiwillig teilen.

Precht konstatiert außerdem, dass das Konzept der „Nation“ immer schlechter mit der globalisierten Ökonomie harmoniere. Und wo sowohl die religiösen als auch die nationalen Fundamente erschüttert sind, nähre die Angst vor Identitätsverlust auch Populismen. Dem Autor genügt jedoch dies allein nicht als Erklärung für die jüngsten Entwicklungen. Er postuliert, dass die Ökonomie schon längst im Zuge der Globalisierung und des Siegeszugs der Finanzindustrie einen kontinuierlichen Wandel von einer Leistungsgesellschaft zu einer Erfolgsgesellschaft durchmache und die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern immer mehr gewachsen sei.

Viele haben den Eindruck, dass Ganoventugenden wie List und Schläue eher Erfolg versprechen, während man für Konstanz und Treue als der Dumme bestraft wird. Eine Vorteilsgesellschaft, die dazu konditioniert, zuerst an sich selbst zu denken und andere zu ignorieren, verhöhne zentrale Werte des Bürgertums. Neid, Missgunst, Skepsis und Argwohn seien bereits tief in der Wirtschaft verankert und beschädigen das Vertrauen. Und wenn Bürger ständig als Konsumenten, aber kaum als Staatsbürger angesprochen werden, werde die Grundlage für eine Entpflichtung als Staatsbürger und für unsolidarisches Verhalten gelegt. Wiederum mit Bezug auf Böckenförde konstatiert Precht, dass nicht nur der Staat, sondern auch die freie und soziale Marktwirtschaft von Voraussetzungen lebe, die sie selbst nicht garantieren kann.

Umso wichtiger sei die Pflege der Werte, die den Gesellschaftsvertrag begründen. Dazu schlägt Precht für alle ein doppeltes soziales Pflichtjahr vor. Das erste nach Abgang von der Schule, das zweite – dann mit nur 15 Stunden wöchentlich – beim Renteneintritt. Die Kritik, die sein Vorschlag hervorgebracht hat, diskutiert er ausführlich. Dass Deutschland hier an die vorderste Front ginge, glaubt Precht aber nicht und hofft auf Impulse aus anderen Ländern

Für die Zeit vieler bevorstehender Umbrüche eine hochaktuelle und sehr lohnende Lektüre!

Goldmann, 2021; ISBN 978-3-442-31639-7, 176 S., 18 Euro; E-Book 14,99 Euro.