Das weibliche Potential einsetzen für Zukunftsgestaltung und Digitalisierung

Noch immer arbeiten nur sehr wenige Frauen in den zukunftsorientierten technischen und naturwissenschaftlichen Berufen, obwohl gerade diese Berufe in der Regel gute Chancen auf gutes Einkommen und damit ein selbstbestimmtes Leben bieten. (Der Anteil von Frauen beträgt laut MINT-Herbstreport 2021 des Instituts der deutschen Wirtschaft z.B. in IT-Facharbeiterberufen ca. 15% und in IT-Expertenberufen ca. 16%.)

MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik

Warum brauchen wir mehr Frauen in MINT-Berufen?

Wegen des großen Fachkräfte-Mangels gerade im technischen Bereich ist es für unsere Wirtschaft wichtig, dass hier auch das Potenzial der Frauen genutzt wird.
Und für die anstehende Digitalisierung in unserer Gesellschaft ist es wesentlich, dass die Perspektive der Frauen ebenso eingebracht wird wie die der Männer, d.h. dass viel mehr Frauen sich an der Entwicklung der Technik beteiligen.

Warum wählen so wenige junge Frauen einen MINT-Beruf?

Junge Frauen erreichen heute sehr gute Schulabschlüsse und lassen sich auch für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistern. Trotzdem nutzen nur wenige ihr Potenzial, um in einem der MINT-Berufe tätig zu sein.
Es gibt heute viele interessante Angebote zur Berufsorientierung. Aber trotzdem ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, den Frauen-Anteil in den MINT-Berufen deutlich zu erhöhen.

Um das zu ändern, müssen sich Beteiligte in Pädagogik und Berufsorientierung sowie Verantwortliche in Wirtschaft und Politik über die Gründe im Klaren sein.

Hier sollen nun einige der wichtigsten Gründe genannt werden:

  • Die meisten Mädchen haben eine andere Herangehensweise an naturwissenschaftliche und technische Themen als die meisten Jungen. Sie schätzen Technik weniger um ihrer selbst willen, sondern möchten einen Bezug zur Anwendung und zur Umgebung sehen und wissen, zu welcher Lösung MINT in einer für sie relevanten Lebenswelt beiträgt. Der Nutzen der Tätigkeit für die Gesellschaft ist für sie ein entscheidender Motivator, um in diesem Bereich eine berufliche Tätigkeit auszuüben. Wird dies im Schulunterricht nicht genügend berücksichtigt, verlieren sie schnell das Interesse.
  • Weil das Interesse an IT gleichgesetzt wird mit dem Interesse an der „Jungenkultur“, verweigern sich die meisten Mädchen diesem Thema, obwohl sie möglicherweise grundsätzlich großes Interesse an technischen Themen haben.
  • Die IT-Berufe haben bei Mädchen und Frauen meist ein negatives Image – sie gelten als Betätigungsfeld sozial inkompetenter Computer-Fans ohne weitere Interessen und ohne menschliche Kontakte („Nerds“). Und auch von Frauen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen, z. B. in der IT tätig sind, haben Mädchen im Allgemeinen ein eher negatives Bild. Denn den meisten ist nicht bekannt, was in diesen Berufen getan wird und dass hier auch sehr viel mit anderen Menschen kommuniziert wird.
  • Wenn Mädchen einen Bereich als Männerdomäne wahrnehmen, neigen sie dazu, sich darin weniger begabt und leistungsfähig zu halten und weniger Erfolg zu erwarten. So verlieren sie das Vertrauen in die eigene Kompetenz und in ihre Leistungsfähigkeit in diesem Gebiet.
  • Von der Pubertät an befürchten die meisten Mädchen, wegen guter Leistungen in den bisher als frauenuntypisch gesehenen Fächern von anderen ausgegrenzt zu werden und für Jungen unattraktiv zu sein. Darum vermindern sie ihr Interesse und ihre Leistungen in diesen Bereichen. Dadurch lässt dort schließlich ihre Leistungsfähigkeit tatsächlich nach und reicht dann für einen Beruf im MINT-Bereich nicht aus. Dies geschieht gerade in einer Zeit, in der sie Entscheidungen für ihren späteren Berufsweg treffen.

Wie können mehr Frauen für MINT-Berufe gewonnen werden?

Die Begabungen und das vor der Pubertät vorhandene Interesse und Selbstvertrauen von Mädchen im MINT Bereich müssen durch gezielte Förderung erhalten werden, und den traditionellen Geschlechterrollen-Vorstellungen muss nachhaltig entgegengewirkt werden, insbesondere in der Schule, aber auch in außerschulischen MINT-Angeboten.

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, durch die dies gelingen kann:

  • Die Lehrkräfte nehmen die Begabungen der Schülerinnen im MINT-Bereich wahr, fördern sie gezielt und ermutigen die Mädchen dazu, ihrem Interesse nachzugehen und ihrer Leistungsfähigkeit zu vertrauen (ohne ihr Geschlecht zu betonen).
  • In der Schule wird eine Sprache verwendet, in der gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und für MINT-Berufe Mädchen und Frauen gezielt genannt und angesprochen werden oder neutrale Formen benutzt werden (z.B. „Ingenieurinnen und Ingenieure“, „Forscherinnen und Forscher“ bzw. „Forschende“).
  • In Unterrichtsmaterialien und Berufs-Informationen werden Bilder verwendet, die Technik im Alltag oder als Lösung für gesellschaftliche Probleme sowie Technik mit Teamarbeit abbilden. Die verwendeten Abbildungen zeigen statt Geschlechterstereotype Mädchen und Jungen, Frauen und Männer gleichermaßen in berufstypischen Tätigkeiten und in vergleichbaren Positionen.
  • Im Unterricht, in der Ausstattung von Räumen sowie in den Informationen der Schule (wie Homepage, Rundbriefe, Schulzeitung) werden die vielfältigen Kompetenzen und Leistungen von Mädchen und Frauen sichtbar gemacht. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer werden gleichermaßen in unterschiedlichsten Bereichen interessiert und kompetent dargestellt (z.B. Mädchen-Fußballteam, Jungen beim Praktikum in der Kita, Handwerkerinnen, Ingenieurinnen, Raumfahrerinnen). Auf Beiträge von Frauen zur Forschung und technischen Entwicklung wird ebenso hingewiesen wie auf Beiträge von Männern.
  • Im MINT-Unterricht werden differenzierte Beschreibungen verwendet, in denen die Zusammenhänge zwischen Theorie und Praxis mit konkreten Anwendungsbezügen und Gestaltungsaspekten hergestellt werden.
  • Personen in den bisher geschlechtsuntypischen Bereichen (Erzieher, Physikerin) und Mädchen mit Interesse und guten Leistungen im MINT-Bereich werden als Regelfälle behandelt und nicht als Ausnahmen hervorgehoben.
  • Schülerinnen und Schüler lernen als positive Vorbilder ansprechbare Frauen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen, die sich in unterschiedlichen Lebensphasen befinden und mit ihrer Berufsbiografie geschlechterstereotype Zuschreibungen widerlegen.
  • Die Lehrkräfte wirken der Zurückhaltung der Mädchen in gemischten Gruppen entgegen (z.B. durch Bildung reiner Mädchen- bzw. Jungen-Teams oder Wechseln der Aufgabenverteilung in den Gruppen).
  • Wettbewerbe im MINT-Bereich werden so ausgestaltet, dass Mädchen und Jungen gleichermaßen angesprochen und insbesondere Mädchen für eine Teilhabe gewonnen werden.

Was ist zu tun?

Immer noch wirken alte Geschlechterstereotypen in unserem Bildungssystem, in der Berufsorientierung und auch in der beruflichen Praxis. Geschlechter-Klischees werden in der Schule weitergegeben und verstärkt. Nur wenige Lehrkräfte erkennen und fördern das Potenzial der Mädchen im MINT-Bereich. Viel zu wenige Beteiligte in Pädagogik und Berufsorientierung setzen sich mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit auseinander und reflektieren ihre eigenen Geschlechterrollen-Vorstellungen.
Damit sich dies ändert, ist es dringend erforderlich, dass Geschlechtergerechte Pädagogik prüfungsrelevanter Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften wird und dass das Thema Geschlechter-Sensibilität Inhalt verpflichtender Fortbildungen für Lehrpersonen und in der Berufsorientierung Agierende wird.


Quellen und Weiterlesen

Der Beitrag verwendet Informationen und Anregungen aus folgenden Broschüren – diese eignen sich auch zum Weiterlesen und zur Vertiefung des Themas:

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