Geschlechtergerechte Mobilität in Hamburg?

Unter dem Motto „Experience Future Mobility Now“ fand vom 11. bis 15. Oktober 2021 der 27. ITS Weltkongress im Congress Center Hamburg (CCH) statt. Dabei handelt es sich um das weltweit größte Event zu intelligenten Verkehrssystemen und -diensten. Ziel war es auch, im Stadtgebiet die Mobilität von morgen erlebbar machen.

Was bedeutet Mobilität von morgen?

Bei einer Diskussion im Rahmen des Panels „Gender und Inklusion: Mobilitätslösungen für alle“ haben Mitglieder der Netzwerke Ladies Logistics Lounge und Women in Mobility unter anderem mit Hamburgs Gleichstellungssenatorin Katharina Fegebank und der Mobilitätsforscherin Ines Kawgan-Kagan über inklusive und geschlechtergerechte Mobilität diskutiert. Es ging unter anderem darum, wie die Bedürfnisse von Frauen bei Mobilitätslösungen stärker berücksichtigt werden können und um die Stärkung von Frauen in der Branche generell.

Und wie sieht geschlechtergerechte Mobilität aus?

Geschlechtergerechte Mobilitätslösungen bewirken, dass keines der Geschlechter im Bereich Mobilität benachteiligt wird, sondern dass alle Geschlechter ihren Bedürfnissen entsprechend gleichermaßen bequem, schnell und sicher am Verkehr teilhaben können.

Die Wege der meisten Frauen sind anders als die Wege der meisten Männer. Männer fahren überwiegend mit dem Auto direkt zur Firma und zurück „zur Freizeit“. Die meisten Frauen legen eher kombinierte Wege zurück, z.B. durch die Verbindung von Berufs- und privater unbezahlter Care-Arbeit, sehr häufig zu Fuß, per Fahrrad und ÖPNV.

Wie steht es um die geschlechtergerechte Mobilität in Hamburg?

Wenn der Schwerpunkt der Verkehrsplanung auf möglichst flüssigem Autoverkehr liegt, sind Frauen zu Fuß, per Rad und ÖPNV meist benachteiligt.

Was ist tun?

Es gibt verschiedene „Hebel“, um geschlechtergerechte Mobilität zu verwirklichen, von denen hier nun einige wenige genannt werden sollen.

Mehr Diversität im Personal der Stadt- und Verkehrsplanung!

Die Menschen, die Verkehrsplanung machen, sind überwiegend Männer, die morgens zur Firma und nachmittags zurück zur „Freizeit“ fahren, meist per Auto. Sie sehen ihre Wege als „allgemeingültig“ und kennen die Art der Wege der meisten Frauen nicht.

Damit die Wege und Interessen von Menschen, für die Verkehr anders oder mehr ist als diese klassische Autofahrt, besser berücksichtigt werden, müssen diese Menschen in der Stadt- und Verkehrsplanung angemessen beteiligt werden.

Differenzierte Datenerhebungen!

Datenerhebungen für die Untersuchung der Bedürfnisse zum Mobilitätsbereich sind zu wenig differenziert. Eine Unterscheidung „unterwegs wegen Arbeit / privat“ genügt nicht, da Einkäufe und (häufig unbezahlte) Care-Tätigkeiten nicht in den Freizeitbereich fallen. Datenerhebungen im Mobilitätsbereich müssen differenzieren u.a. nach Geschlecht und den jeweiligen Tätigkeiten. Nur so kann auf die verschiedenen Nutzungsgewohnheiten reagiert werden.

Welche Maßnahmen können zur geschlechtergerechten Mobilität führen?

Erleichtern des Fußverkehrs!

  • e-Roller, Müllbehälter, Verkehrsschilder, Parkscheinautomaten WEG von den Fußwegen! (d.h. Vermeiden umständlichen Slalom-Laufens)
  • Breite Fußwege, sodass zwei Personen an zwei anderen Personen vorbeigehen können
  • Keine Umwege für zu Fuß Gehende bei Fahrbahn-Überquerungen, d.h. Übergänge bzw. Ampeln dort, wo die Wege der Menschen sind
  • Barrierefreie Fahrbahn-Überquerungen ohne zusätzlichen Zeitaufwand (keine Tunnel, keine Brücken)
  • Passende Ampelphasen für zu Fuß Gehende: längere Grünphasen, kürzere Wartezeiten
  • An Ampeln und Zebrastreifen: Bordsteinabsenkungen über die gesamte Gehwegbreite (Absenkung allein auf der linken Seite bewirken für die rechts Gehenden Umwege sowie Gedränge/Konflikte mit den entgegenkommenden ihrerseits rechts gehenden Personen)
  • Keine Verbreiterung einmündender Straßen an den Übergangsstellen
  • Ebnen und gute Beleuchtung der Fußwege! (erhöht das Sicherheitsgefühl, mindert die Unfallgefahr)
  • Im Winter Schneeräumung und Eisbeseitigung zuerst auf Fuß- und Radwegen (weil zu Fuß Gehende und Radfahrende bei Stürzen auf Schnee und Glatteis häufiger und schwerer verletzt werden als Autofahrende auf verschneiten/glatten Fahrbahnen)

Erleichtern des Radverkehrs!

  • Rad- und Fußwege baulich eindeutiger voneinander und von Fahrbahnen trennen!
  • Ausreichend breite Radfahrwege (sog. „popup“-Radwege)
  • Parken von Autos auf Fuß- und Radwegen verhindern
  • Ausreichende Abstellmöglichkeiten für (Lasten-)Räder und Rad-Anhänger
  • (Tödliche) Unfälle durch rechtsabbiegende LKWs verhindern (durch Maßnahmen der Verkehrsführung an Kreuzungen oder verpflichtende Abbiegeassistenten)

Verbesserung des ÖPNV!

  • Haltestellen nicht „abgelegen“, sondern wohnungsnah und bequem erreichbar, d.h. bei Haltestellenplanung ist der „Zubringerfußverkehr“ mit zu berücksichtigen (z.B. sichere und komfortable Möglichkeiten zur Querung großer Straßen in der Nähe)
  • Keine Verlegung von Schnellbahn-Haltestellen von Zentrum der Wohngegenden weg!
  • Ausbau von Schnellbahn- und Bus-Querverbindungen in und zwischen den Stadtteilen (denn das sternförmige Netz zum/vom Kern der Stadt begünstigt die „traditionellen“ Pendlerwege der Männer und vernachlässigt die Bewegung im Quartier)
  • 5-Minuten-Takt für Schnellbahnen und Busse
  • Kostenlose Beförderung von Kindern
  • 365-EUR-HVV-Jahresticket
  • Mehr Sitzplätze und mehr Raum für Gepäck in den Bussen

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Die Beispiele zeigen: Geschlechtergerechte Mobilität erfordert ein Neu-Denken von Verkehr und eine Einbeziehung möglichst vieler Perspektiven. Vielleicht kann an die eingangs erwähnte Diskussion auf dem ITS Weltkongress angeknüpft werden, um die Geschlechtergerechtigkeit bei allen Mobilitätslösungen der Zukunft mitzudenken. Dafür braucht es einerseits engagierte Politiker*innen und andererseits eine wache Zivilgesellschaft. Nur beides zusammen kann die Mobilität von Morgen schaffen.

Photo by Ross Sneddon on Unsplash