Hanseatic Help Stores in Hamburg – ein Zukunftsprojekt für humanitäre Hilfe

Im Interview mit Karin Prätorius von Hanseatic Help e.V.

von Dr. Tessa Hillermann

Wie wichtig zivilgesellschaftlich aufgebaute Hilfsstrukturen sind, macht der Krieg, der seit dem 24. Februar 2022 in der Ukraine herrscht, gerade deutlich. Der Hamburger Verein Hanseatic Help e.V. leitet von seinem Logistikstandort an der Elbe aus seit seiner Gründung im Jahr 2015 kostenfrei Kleider- und Hygienespenden an mittlerweile mehr als 300 Einrichtungen für Menschen in Notlagen weiter. So versorgt und unterstützt die Hilfsorganisation unbürokratisch u.a. Flüchtlingsunterkünfte, Obdachloseninitiativen, Kinderheime und Frauenhäuser mit Kleidung und anderen Artikeln des täglichen Bedarfs. Seit Beginn des Konflikts in der Ukraine organisiert Hanseatic Help auch Unterstützung und Hilfe für die Menschen, die aus den ukrainischen Kriegsgebieten nach Hamburg geflohen sind. Nun wurden mit den ersten eigenen Hanseatic Help Stores auch direkte Ausgabemöglichkeiten für Kleidung und andere Spenden geschaffen. In der Großen Elbstraße in Altona werden seit März gemeinsam mit dem Ukrainischen Hilfsstab gezielt privat untergebrachte ukrainische Familien mit dem Nötigsten versorgt, inzwischen ist ein weiterer Hanseatic Help Store am Ballindamm dazugekommen. Karin Prätorius von Hanseatic Help e.V. berichtet uns von dem Zukunftsprojekt.

Ihr habt bereits im Jahr 2015 viele Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, unterstützt. Was hat sich seit Beginn des Krieges in der Ukraine am 24. Februar 2022 für eure Vereinsarbeit geändert?

Tatsächlich hat sich in der Sache an unserer Arbeit zunächst gar nicht so viel geändert, nur an der Intensität: Wir unterstützen seit 2015 hilfsbedürftige Menschen in Hamburg und schicken, was hier vor Ort nicht benötigt wird, in Krisenregionen – unter anderem in den Nordirak, wo sich riesige Flüchtlingslager befinden, in den Libanon, nach Griechenland und nach Osteuropa. Mit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hat sich der Fokus natürlich dahin verschoben; wie viele andere auch haben wir uns die Frage gestellt, wie wir helfen können. Innerhalb weniger Tage hat sich ein bundesweites Netzwerk von Organisationen gebildet, das Hilfe für die Ukraine koordiniert. In der ersten Zeit ging es vor allem um Hilfe vor Ort, in der Ukraine und den Grenzregionen. Weil klar war, dass Kleidung dort erstmal nicht der dringendste Bedarf ist, haben wir unsere Spendenannahme kurzerhand umgekrempelt: auf Lebensmittel, Decken, Schlafsäcke, Hygieneprodukte. Wir konnten in den ersten zwei Monaten 22 Container mit Hilfsgütern in die Ukraine und die Grenzregionen schicken. Parallel dazu haben wir angefangen, über Lösungen für die Menschen nachzudenken, die aus der Ukraine nach Hamburg kommen, um hier Schutz zu suchen. Das alles natürlich neben unserer regulären Arbeit, der Versorgung einer Vielzahl von Organisationen in der Region.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen?

Die allererste Herausforderung war tatsächlich die riesige Hilfsbereitschaft der Menschen in Hamburg: Die ist absolut großartig, will aber auch koordiniert werden. In den ersten Wochen des Krieges gab es lange Schlangen an der Spendenannahme und so viele Menschen, die zum Anpacken kamen, dass wir einige tatsächlich wieder wegschicken oder auf später vertrösten mussten. Das Helfen ist für viele ein Grundbedürfnis. „Aus der Sorge, der Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit positive Energie machen“, so hat es eine Unterstützerin formuliert. Inzwischen hat sich der Ansturm wieder gelegt – aber eine ganze Reihe neuer Helfer*innen kommt jetzt regelmäßig, das ist klasse.
Unterdessen ist es schwieriger geworden, bestimmte Sachspenden in größerer Menge zu bekommen. Wir merken zudem an allen Ecken und Enden, wie die Auswirkungen des Krieges, die massiv steigenden Preise, die Not größer machen bei denen, die ohnehin schon wenig haben.

Seit März sind nun auch mehrere Hanseatic Help Stores entstanden – wie kam die Idee für das Projekt zustande und wie unterscheidet es sich von euren bisherigen Hilfsangeboten?

Die Idee für die Hanseatic Help Stores gab es schon länger, wirklich angefangen, sie zu entwickeln, haben wir Ende letzten Jahres – das Konzept dann zum Jahreswechsel aber erstmal geparkt, um im Frühjahr, wenn normalerweise nach dem Winter bei uns ein bisschen mehr Ruhe einkehrt, daran weiterzumachen. Und dann kam der 24. Februar…
Unser System, andere Organisationen zu beliefern, die dann die Hilfsgüter an ihr jeweiliges Klientel weitergeben, funktioniert als Notversorgung gut, hat aber Lücken. Wir erreichen damit nur Menschen, die bereits in irgendeiner Form ans Hilfesystem angebunden sind, und die bekommen dann Kleidung mehr oder weniger zugeteilt. Mit unseren Help Stores wollen wir mehr Menschen erreichen, die Unterstützung brauchen, und unsere Gäste sollen in aller Ruhe aussuchen können, was ihnen gefällt – Selbstbestimmung und Würde gehen Hand in Hand.
Als immer mehr schutzsuchende Menschen aus der Ukraine nach Hamburg kamen und sich abzeichnete, dass viele von ihnen privat unterkommen würden, nicht in einer städtischen Unterbringung, war klar: Jetzt müssen wir loslegen. Bei der Suche nach geeigneten Flächen haben unsere Kontakte zu Hamburger Unternehmen enorm geholfen – das ging richtig schnell. Wir haben von Anfang an mit einem Terminbuchungssystem gearbeitet, damit alle Gäste in Ruhe aussuchen können und sich keine riesigen Warteschlangen bilden, die dann allen Stress machen. Das hat sich gut bewährt.

Wie sollen sich die Hanseatic Help Stores zukünftig entwickeln?

Wir sind dabei, die Help Stores für alle zu öffnen, die Unterstützung brauchen. Die Not wird ja nicht kleiner werden, im Gegenteil. Wir wollen uns möglichst breit aufstellen, auch weil es nachhaltig ist, Kleidung möglichst lange im Kreislauf zu halten. Dazu leisten wir mit unserer Arbeit einen Beitrag. Am verschwenderischen Kleidungskonsum muss sich ganz dringend etwas ändern! Zunächst aber geht es darum, die zu unterstützen, die wenig haben, und das personell, logistisch und finanziell auf stabile Beine zu stellen. Ganz praktisch müssen wir geeignete Flächen finden, die wir langfristig betreiben und finanzieren können – für unsere bald drei Help Stores haben wir zwar sehr günstige Konditionen, aber auch befristete Mietverträge, das muss auf stabile Füße kommen. Von Hamburger Unternehmen bekommen wir ganz großartige Unterstützung, aber wir hoffen auch auf Mittel von der Stadt.
Um dauerhaft Hanseatic Help Stores betreiben zu können, haben wir für Koordination und Steuerung fachkundiges Personal eingestellt; wir brauchen aber auch ehrenamtliche Unterstützung. Und wir glauben, dass die Help Stores Orte des Lernens und der Inklusion sein können. Wir arbeiten an unserem zentralen Logistikstandort seit langem mit Menschen zusammen, für die der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt erschwert ist, weil sie gesundheitliche oder psychische Probleme, Suchterkrankungen oder Lerneinschränkungen haben – da bieten unsere Stores nochmal ganz andere Möglichkeiten, bis hin zu dualer Ausbildung. Das setzt natürlich voraus, dass die Förderung des sozialen Arbeitsmarktes nicht weiter zusammengestrichen, sondern im Gegenteil ausgebaut wird, damit möglichst viele Menschen die Chance zu gesellschaftlicher Teilhabe erhalten.

Der Zukunftsrat Hamburg dankt Hanseatic Help e.V. für das Interview und wünscht dem Verein weiterhin viel Erfolg! Wer den Verein unterstützen möchte, kann sich über Unterstützungsmöglichkeiten auf der Homepage unter www.hanseatic-help.org informieren. Die Fragen stellte Dr. Tessa Hillermann.

Photo by Hanseatic Help e.V.