Klimaneutralität ist käuflich

Ende 2019 erklärten die Staatschefs Europas: Die EU wird bis 2050 „klimaneutral“. Hamburg will eine klimaneutrale Landesverwaltung bis 2030. Der DHL-Paketversand ist schon heute klimaneutral. Und das Heizöl EcoPlus von Aral.

Klimaneutral, direkt und indirekt

Klimaneutral? Das sind Leistungen und Produkte, die das globale Klima nicht belasten: direkt durch Energieeinsparung bzw. Umstellung auf emissionsfreie Alternativen. Oder aber indirekt durch einen Ausgleich für nicht vermiedene Treibhausgas-Emissionen. Also erst Schädigung, dann Schadensersatz.

Als Ausgleich dient die Finanzierung eines „fremden“ Klimaschutzprojekts. Das ist meist billiger. Denn das Projekt kann auch ganz woanders laufen, z.B. in Entwicklungsländern.  Der Atmosphäre und dem Klima ist der Ort der Emissionseinsparung egal.

Ausgleich durch Entwicklungsprojekte

Nicht aber die Höhe. Und da beginnen die Probleme: „Klimaneutralität“ durch Ausgleich erfordert: 1. eine ehrliche Bilanz der auszugleichenden eigenen Emissionen, 2. eine zuverlässige Berechnung der durch das Projekt  eingesparten Emissionen und 3. die Berechnung des Preises für das eingesparte CO2.

Beispiel: Atmosfair kompensiert Flugreisen durch CO2-sparende Entwicklungsprojekte. Schon die Berechnung der Flug-Emissionen ist komplex (Entfernung, Route, Flugzeugtyp). Noch schwieriger ist die Berechnung der durch das Projekt eingesparten Emissionen: durch den effizienten Ofen in Lesotho, das Kleinwasserkraftwerk in Honduras, den Strom aus Senf-Ernteresten in Indien.

Seit der Klimakonferenz von Kyoto 1997 wurden für die Ausgleichsberechnung ein aufwändiges Regelwerk und Verfahren entwickelt: der „clean development mechanism“, CDM. Mit externen Prüfungen und Zertifikaten soll er vor allem die „Zusätzlichkeit“ der Klimagas-Einsparungen sicherstellen, Doppelanrechnungen verhindern. Verbände schufen daneben den „Goldstandard“ mit entwicklungspolitischen Zielen: Das Ausgleichsprojekt muss nicht nur Emissionen einsparen, sondern auch der einheimischen Bevölkerung nützen.

Aufforstungsprojekte ?

Und zwar sicher, zeitnah und nachhaltig. Bei den beliebten Aufforstungsprojekten ist das nicht der Fall: Wachsen die vielen Setzlinge an, werden sie ausreichend gepflegt? Fallen sie keinem Brand zum Opfer? In wie vielen Jahr(zehnt)en binden sie wie viel CO2? Ist sicher, dass das Baum-Projekt weder Urwald noch Kleinbauern verdrängt? – Alles das ist nicht quantifizierbar. Atmosfair bietet solche Projekte deswegen nicht zum Ausgleich an.

Insgesamt haben bis Januar 2020 weltweit 7.817 CDM-Projekte 2 Mrd t CO2äquiv-Emissio-nen eingespart. Die Zukunft ist aber ungewiss. Die Projektzahl wächst kaum noch – zu kompliziert, zu fragwürdig im Einzelfall. Und der CDM läuft 2020 aus, die Nachfolge ist offen.

Meine Meinung

Gekaufte Klimaneutralität ist die zweitbeste Lösung: eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Wie viele Emissionen sollen in der EU, in Hamburg real vermieden werden, wie groß ist der auszugleichende Rest? Ist er unvermeidbar? Wo sollen all die Projekte und Kontrollen im Süden herkommen, die nötig werden, wenn im Norden alle Staaten, Unternehmen und Einzelne „Klimaneutralität“ versprechen? Das Vermeiden von Treibhausgas-Emissionen muss absoluten Vorrang haben, ohne Schielen zur Hintertür. Eine Kompensation von wirklich Unvermeidbarem ist ok, setzt aber Goldstandard, Ehrlichkeit und großen Prüf-Aufwand voraus. Bis 2050 sollten alle Klimagas-Emissionen im Norden nach und nach vermieden, nicht kompensiert sein.

Foto: atmosfair / Save 80: effizienter Kochofen in Lesotho