Vom roten Punkt zur share economy

Vor 50 Jahren: Ein roter Punkt am Auto hieß: Ich nehme Leute mit – auch in der Stadt. Am Schwarzen Brett der Uni hing: „MFG gegen BKB“ (Mitfahrgelegenheit gegen Benzinkostenbeteiligung). Und an jeder Autobahn-auffahrt und –raststätte standen die Tramper. Junge Leute sparten Geld. Teilen, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung? Kein Thema.

Ridesharing, carsharing – moderne Geschäftsmodelle

Heute heißt es: Ridesharing, Ridepooling, Carsharing –  in Großstädten only. Auf dem Land ist  Teilen wie eh und je: Nachbarschaftshilfe.

Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit sind nun Grundlage für alternative Geschäftsmodelle der Autokonzerne. Wie viele Privat-PKW ersetzt ein Carsharing-Auto? 8-20 bei stationärem Angebot, sagt der Bundesverband. Hoffentlich! Wie viele Personen-km mit einem Verbrenner spart ein elektrischer Moia-Bus in Hamburg? Aber auch: wie viele Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr verdrängt er?

Sharing – ein großer neuer Markt. Es geht um Einstiegsinvestitionen in Millionenhöhe, um Wachstum, Wettbewerb, Gewinn. Einige Vermittler werden dank Smartphone und Algorithmen zu globalen Marktbeherrschern:  

Second hand und nutzen statt kaufen

Gebrauchtwaren aller Art bietet E-Bay – Umsatz 2019: 10,8 Mrd $. Personentransporte im eigenen PKW ermöglicht Uber – Umsatz: 3,8 Mrd $. Private Unterkünfte vermittelt Airbnb – Umsatz: 2,6 Mrd $. Second-hand-Kleidung gibt es bei Kleiderkreisel bzw. Vinted – Umsatz: 1,3 Mrd €. Die Geschäfte sparen Ressourcen durch längere Nutzung, Müllvermeidung, bessere Auslastung, weniger Hotel-Neubauten. Digital optimierte ökologische Nachhaltigkeit.

Und Netflix, Instagram, Spotify? Beim Streaming und elektronischen „Teilen“ spart man zwar DVDs, verbraucht aber oft viel Energie.

Ökologisch nachhaltig, aber sozial?

Die share economy bietet viele Vorteile und neue Möglichkeiten, auch solche für einen nachhaltigeren Konsum. Doch letztlich sind die allermeisten Geschäftsmodelle der share economy in erster Linie das, was alle Geschäftsmodelle sind: Ideen und Formen der Gewinnerzielung. Für die Vermittler / Plattformbetreiber und für die Anbieter. Das ist legitim, aber keineswegs immer nur nachhaltig.

Die Probleme mit Airbnb und Uber zeigen das deutlich: Der Arbeitnehmerschutz ist in Gefahr. Nutzer verlieren Sicherheit und Haftung. Quasi-gewerbliche Airbnb-Vermietungen verdrängen Dauer-Wohnraum in der City. Plattformbetreiber handeln mit Nutzerdaten. Und fällige Steuern aus Share-Geschäften werden nicht immer gezahlt.  

Meine Meinung: Mit dem Übergang vom Privaten zum Kommerziellen hat Teilen irgendwie Charme und Nächstenliebe eingebüßt. Sharing economy vervielfacht Nachhaltigkeit, missbraucht sie zuweilen aber auch als Alibi.  

Privates Teilen hat überlebt

Aber: Das private, das gemeinnützige Teilen hat überlebt: Gerade in Seuchen- und Notzeiten blühen Nachbarschaftshilfe, Freundschaftsdienste und viele kleine lokale Initiativen: Von den selbstlosen Tafeln und Essensrettern, den Repair-Cafés mit den Werkzeugen und Experten, über Garagen-Flohmärkte, die solidarische Landwirtschaft bis zum geteilten Schrebergarten und zur Werkzeugleihe beim Nachbarn. Wer will, guckt bei „nebenan.de“.

Was uns vielleicht noch fehlt: mehr Mut und das Bewusstsein dafür, dass Teilen weder ein Almosen ist noch notwendig ein Gegenseitigkeitsgeschäft. Sehen wir es doch einmal so: Wer gibt – mit oder ohne roten Punkt -, nimmt seine Nachhaltigkeits-Verantwortung wahr, wer nimmt, unterstützt dabei.

Foto: dpa /Systemfoto : Ein Teil der Moia-Flotte in Hamburg