Was ist eigentlich öko-sozial?

Im Kleinen …

Paul ist ein Öko-Fundi. Neulich beim Bier: „Ich mache echt alles richtig: Ich esse vegan, kaufe bio, regio und fair. Ich fahre Rad statt Auto, verzichte auf Flugreisen. Ich engagiere mich für Naturschutz. Ich bin öko. Ich, ich…“  Seine Tochter ist 15 und lebt bei seiner Ex. Manchmal treffen sie sich, und Paul erklärt ihr die Welt und wie man sie rettet.

Paul zu mir: „Neulich meinte sie: Papa, du bist ein Held. Aber Mama auch. Sie wollte die Familie retten und rettet jetzt ihre Umwelt – mit Empathie, Zeit für andere, Verständnis und Unterstützung für mich, für unsere Nachbarn und Freundinnen. Wir haben ein gutes Leben zusammen – auch nicht vegan. Ihr hättet euch so gut ergänzen können!“ Paul kleinlaut: “Und den Mehrverbrauch an Ressourcen für zwei Haushalte hätten wir auch vermieden…“

… und im Großen

Im Kleinen wie im Großen: Erst die Balance, die Zusammenschau von Ökologie und Sozialem ergibt eine zukunftsfähige Entwicklung. „Soziales“ meint dabei vieles: 

Zum Beispiel: Frieden. Zerbombte Städte, verminte Felder, brennende Öl-Pipelines. Kriege sind eine menschliche, eine soziale  Katastrophe, aber auch eine ökologische.

Zum Beispiel: materielle Sicherheit. Wer zur Tafel gehen muss, fragt nicht nach Gemüse von Bioland oder Demeter. Wer dringend eine Sozialwohnung braucht, kann sich nicht auf gut gedämmte Niedrigenergie-Neubauten beschränken. Wer nicht weiß, ob seine Viehherde auch morgen noch die Familie ernährt, sorgt sich heute nicht um Überweidung und Wüstenbildung.

Zum Beispiel: Zuversicht und Perspektive. Der Abschied von fossilen Brennstoffen ist nötig, die Kohle-Reviere sterben und mit ihnen viele Arbeitsplätze. Der Klimaschutz wird zur großflächigen sozialen Herausforderung.

Was dem einen recht, ist dem anderen unerträglich

Öko-sozial ist sehr kompliziert: Umweltprobleme können lokal oder global sein, heutige oder zukünftige Generationen betreffen. Dasselbe gilt – zum Teil orts- und zeitversetzt – für die Vermeidung und Bekämpfung von Umweltproblemen. Die einen profitieren – gesetzlich erlaubt – von der Schädigung der Umwelt  (Klimawandel, Nitratbelastung, Überfischung, belastete Flüsse usw.). Andere leiden darunter. Wieder andere profitieren von der Vermeidung und Bekämpfung der Schäden, andere leiden darunter (Verzicht auf Kohle, Öl und Erdgas; Windkraft; Bio-Landwirtschaft, Verkehrsbeschränkungen).

„Praktische Konkordanz“

Öko-sozial heißt, bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen beides konkret aufeinander zu beziehen und beides so weitgehend wie möglich zu realisieren. „Praktische Konkordanz“ sagen Staatsrechtler dazu. Es gibt planetare Grenzen, aber ihr Verlauf ist nicht immer eindeutig. Sie markieren Ziele und Gefahren, aber sie rechtfertigen kein Diktat, keinen umstandslosen Durchgriff. Ebenso wenig, wie angebliche Sachzwänge des wirtschaftlichen status quo dies tun. Öko-soziale Politik ist in der Demokratie auf Mehrheiten, auf  Überzeugen, auf Ausgleich angewiesen.

Nicht nur Familien, auch Gesellschaften können sich trennen, zerbrechen. Der natürlichen Umwelt hilft das nicht – im Großen wie im Kleinen.

Foto: Herbert Aust auf Pixabay