Wir Obsoleszenz-Komplizen

Ich meide ja Fremdwörter. Aber wenn sie neugierig machen… Obsoleszenz ist ein Fachbegriff aus der Konsumgüterwelt: der Verlust der Funktion, das Ende der Nutzung – ein Produkt ist „obsolet“ geworden:

Obsoleszenz und Ressourcenschutz

Das alte Smartphone verschwindet in der Schublade. Die Waschmasche wird entsorgt, weil eine Reparatur „nicht mehr lohnt“. Der altmodische Sessel kommt zum Sperrmüll.

Die Rohstoffe in der ausrangierten Sache sind verloren. Nur selten werden Konsumgüter wieder verwendet – etwa Möbel in Second-hand-Kaufhäusern. Oder stofflich verwertet – etwa Autobleche. Die meisten Produkte werden zerkleinert, verbrannt, vernichtet. Egal, ob sie noch funktionsfähig bzw. reparierbar waren. Stichwort: Retouren von online-Käufen. Nachhaltig? Eher Ressourcenverschwendung.

Planen Hersteller Obsoleszenz?

Viel diskutiert: „geplante Obsoleszenz“, der absichtliche Einbau einer Schwachstelle in ein Produkt, damit der Kunde es nach Ablauf der Gewährleistung möglichst bald durch ein neues ersetzt. „Was ewig hält, bringt kein Geld“.

Belastbare Beweise für geplante Obsoleszenz fand allerdings auch das Umweltbundesamt nicht. Indizien aus der Alltagserfahrung schon: Warum hat ein Gehäuse unlösbare Schnappverschlüsse? Warum sind die Einzelteile verklebt? Warum ist der Akku fest im Laptop eingebaut? Warum braucht man zum Öffnen des Geräts Spezialwerkzeug usw. usw.?

Wir gehen mit der Mode

Aber Obsoleszenz muss gar nicht technisch, sie kann auch psychologisch sein: Mein orange-braun-gelber Sofabezug ist so was von out, da kann ich keinen Gast mehr drauf setzen. Neues Ledersofa, einfarbig. Ein Neubezug wäre wohl möglich, aber auch nicht billig… 

Oder das Smartphone: schon 2 Jahre alt. Geht noch, aber die neue Generation hat eine bessere Kamera, neuen Schnickschnack, ist einfach angesagt. Das macht uns zu „Obsoles-zenz-Komplizen“. Hässliches Wort, zugegeben.

So haltbar wie möglich oder wie nötig?

Bleiben wir lieber bei Produkten, die weniger der Mode unterliegen. Bei denen wir erst mal möchten, dass sie lange halten: Autos, Waschmaschinen, Fahrräder, Werkzeug.

Auch ohne selbst nachzuhelfen kennen die Hersteller Nutzungsdauer bzw. Leistung aus Erfahrung. Danach richten sie die Qualität des Produkts aus. Das kann sinnvoll sein: Ein PKW, der dank einer aufwändigen Verarbeitung 1 Mio km schaffen würde, aber nach 150.000 km in die Schrottpresse kommt, weil er viel zu viel Benzin säuft, verbraucht zu viel Ressourcen. Rohstoffe hier, CO2 da. Also „so haltbar wie nötig“ statt „so haltbar wie möglich“.

Auch die „normalen“ Nutzungszeiten geben wir Konsumenten vor. Je länger diese sind, desto besser werden Rohstoffe ausgenutzt, desto weniger Müll entsteht. Desto länger sind aber auch die Innovationszyklen.

Billigwaren z.B. bei Werkzeugen, Fahrrädern, Uhren haben meist eine kurze Nutzungsdauer und sind kaum zu reparieren. Das ist Verschwendung, Obsoleszenz-Komplizenschaft. In Qualitätsprodukten dagegen sollten Verschleißteile preisgünstig ausgetauscht bzw. repariert werden können. Nicht nur vom teuren Profi oder im seltenen Repair-Café.

Meine Meinung

Brauche ich überhaupt etwas Neues? Leihe ich es mir vielleicht besser – im Falle geringer Nutzung? Wenn nicht: Kann ich selbst oder ein Bastelfreund Einzelteile reparieren? Wie lange gibt es Ersatzteile, Updates?

Und wenn das Smartphone obsolet wird: vielleicht mal ein Fairphone oder Shiftphone? Modular aufgebaut, reparaturfreundlich, geprüfte Lieferketten. Nachhaltig(er).

Foto: Photo Mix auf Pixabay